Spannender Vortrag zur Künzelsauer „Tante Doktor“
Nach ihr sind in Künzelsau eine Schule und eine Straße benannt: Karoline Breitinger, die hier 1851 als jüngstes von sieben Kindern zur Welt kam und als erste Ärztin Württembergs einen beeindruckenden Lebensweg gegangen ist. Dass in Künzelsau der Breitingerweg in den Armer-Sünder-Weg übergeht, mag bezeichnend sein: In ihrer Doktorarbeit schrieb Breitinger 1896 „Über den Kindesmord, dessen verschiedene Arten, und die Mittel seiner Verhütung“. Damit ging sie ein Tabuthema an, bei dem bis dahin allein die „Täterinnen“ gebrandmarkt wurden. Nach ihrer akribischen Auswertung der Obduktionsberichte blieb Breitinger jedoch nicht beim medizinischen Urteil stehen, sondern gab praktische Hinweise: Da die oft erbärmlichen sozialen Verhältnisse zur Tat veranlassten, sah sie einen Weg nur in der „Verbesserung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse“. Sie schlug die Einrichtung von Frauenhäusern vor.
Als Nachfahrin der Familie Breitinger hat sich die Historikerin Cornelia Strauß aus Hamburg mit der berühmten Tante ihrer Urgroßmutter beschäftigt. Bei der Vorbereitung einer Veröffentlichung im Magazin „Schwäbische Heimat“ wandte sie sich auch an das Künzelsauer Stadtarchiv, um nach weiteren Details und Fotografien zu forschen. Insbesondere das Jugendbild, das in der Künzelsauer Schule im Großformat auf die berühmte Namensgeberin hinweist, hat Strauß für die Veröffentlichung im Blick gehabt. Stadtarchivarin Dr. Helga Steiger nutzte die Chance und bat um einen Vortrag in Künzelsau – und dieser Bitte ist Cornelia Strauß vor kurzem nachgekommen: Wenige Tage nach dem Erscheinen des Artikels stellte Strauß ihre Forschungsergebnisse auf Einladung des Stadtarchivs, der Volkshochschule und des Vereins Stadtgeschichte Künzelsau im Hermann-Lenz-Haus vor.
Fundiert und unterhaltsam zeichnete sie Breitingers spannendes Leben nach:
Karoline Breitingers Vater Christian Jakob war Kupferschmied in der Unteren Hauptstraße. Die Mutter Susanna Elisabeth verstarb, als Karoline vier Jahre alt war. Daher wuchs sie bei ihrem Bruder in Salzburg auf, der sich als Kupferschmiedsgeselle dort niedergelassen hatte. Karoline ließ sich in Österreich zur Lehrerin ausbilden. Das Erbe ihres Vaters ermöglichte ihr schließlich ein Universitätsstudium – wohlgemerkt in der Schweiz, im Deutschen Reich waren Frauen nicht zum Studium zugelassen. Sie bestand die Aufnahmeprüfung an der Universität Zürich, studierte Naturwissenschaften und anschließend Medizin in Bern, wo sie 1896 mit der Promotion abschloss. Sie eröffnete in Esslingen eine Praxis; die fürsorgende Ärztin bekam großen Zulauf. Gleichzeitig wuchs die Ablehnung der etablierten Ärzte, die ihren im Ausland erworbenen Abschluss nicht anerkannten.
Cornelia Strauß schilderte in ihrem Vortrag lebhaft die Repressalien und auch die bemerkenswerte Unterstützung, die nach vielen vergeblich geschlagenen Schlachten zur Erlangung eines im Deutschen Reich anerkannten Abschlusses letztlich aus der alten Heimat kam: In seiner Funktion als Statthalter des Reichslandes Elsaß-Lothringen vermittelte Hermann Fürst zu Hohenlohe-Langenburg zur Kaiserin Auguste Viktoria. Ein Reichstagsbeschluss wurde erwirkt, Karoline Breitinger konnte endlich in Straßburg nach einem zweiten Medizinstudium 1911 das Examen ablegen – sie war fast 60 Jahre alt. Breitinger arbeitete bis fast zu ihrem Tod im Jahr 1932 weiterhin als Ärztin in Esslingen. In einem Nachruf wurde sie warmherzig charakterisiert: „Sie war sich ihrer Würde bewußt, und doch gab sie sich so einfach, so natürlich, wie es einem Grundzug ihres Wesens entsprach.“
Dass die Nachfahren der Familie Breitinger immer stolz auf ihre „Tante Doktor“ waren und sind, zeigte auch die Anwesenheit einiger Familienmitglieder beim Vortrag von Cornelia Strauß. Dieser würdigte Breitinger als erste Ärztin Württembergs und als frühe Wegbereiterin im Bildungs- und Sozialbereich. Besonders die Anekdoten aus der Familienüberlieferung schufen ein lebendiges Bild. Strauß bedauert jedoch auch, dass Breitinger über sich selbst wenig berichtet hat: „Karoline Breitinger hat nicht viele Briefe geschrieben. Sie hatte wohl dazu einfach keine Zeit.“ Für ihren lebhaften Vortrag erhielt Strauß lang anhaltenden Beifall und eine charmante Einladung in die Karoline-Breitinger-Schule. Stadtarchivarin Dr. Helga Steiger hat diesen Beitrag formuliert.

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